Himmlische Klänge bewegen Innerstes
Festival Europäische Kirchenmusik (EKM): Kölner Akademie begeistert mit historischer Aufführung von Haydns „Schöpfung“
von Hanna Meid
Drei Tage habe ihm die Musikmalerei aus Haydns Schöpfung in Ohr und Herz noch nachgeklungen, berichtete ein damaliger Zeitgenosse nach der privaten Uraufführung 1798 im Wiener Palais Schwarzenberg. Viel länger wohl wird der Abschlussabend des diesjährigen Festivals Europäische Kirchenmusik in der Augustinuskirche mit dem Chor und Orchester der Kölner Akademie und drei ausgezeichneten Solisten unter Leitung von Michael Willens die Zuhörer im Innersten bewegen. „Die „Schöpfung“ im realen und musikalischen Sinn war ein Festival für sich. Event würde man heute sagen, ein Ereignis von einprägsamer Bedeutung für Auge, Ohr und Seele. Haydns Oratorium ist nicht nur ein großartiges Werk mit ausdrucksstarkem tonmalendem Charakter, sondern es wurde von Susanne Rydén (Sopran), Andreas Post (Tenor), Christian Hilz (Bass), dem Chor und Orchester der Kölner Akademie auch zeitgerecht interpretiert. Dass hier, vor allem mit Michael Willens Kenner der alten Musik am Werk waren, ließ sich nicht überhören. „Selbst die großen Bachoratorien wurden damals mit nur acht Sängern im Chor gesungen“, erzählte Willens im vorausgegangenen Künstlergespräch. Auf zwölf professionelle Sängerinnen und Sänger hatte er den vor dem Orchester stehenden Chor aufgestockt. Jede einzelne Stimme harmonierte perfekt mit den anderen. Alle beherrschten sie die gesamte Bandbreite der Dynamik im abrupten Wechsel von forte und pianissimo etwa im Lobgesang: „Heil dir, o Gott, o Schöpfer, Heil!“ Strahlend blühen die Stimmen auf, wenn sie jubeln: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ und geheimnisvoll, fast atemberaubend preisen sie des Herren Macht. Freude muss Haydn wohl gehabt haben, als er das Werk komponierte, dessen ursprünglich für Händel gedachtes Textbuch er von seiner zweiten Londonreise mitbrachte und das als großer Lobgesang auf den Schöpfergott umgearbeitet wurde. In der Orchestereinleitung, der Vorstellung des Chaos, zieht er bereits alle Register des Kunstverstandes: Das Chaos hat Methode, hat einen strengen Viervierteltakt, den der Hörer wegen der ausbleibenden Schlüsse, melodischen Irrläufer und abgerissenen Floskeln aber kaum wahrnimmt. Die 18 Orchestermitglieder vermitteln durch die stereophone Aufstellung (je ein Kontrabass links und rechts) einen gewaltigen Klangkörper. Dieser hat das Stück bis in die höchste Flötenkapriole und den tiefsten Basston verinnerlicht. Haydn hat Programmmusik geschaffen, wie man sie sich malerischer kaum denken kann: Hörner verkörpern das Naturgeschehen, Flöten luftige Idylle, springende Tiere klingen in Celli und Bratschen. Ebenso malen die Solisten ihre Schöpfungsbilder ohne Ausnahme mit glasklarer, liedhafter Stimme. Aber auch mit einer hervorragenden Aussprache und einer mühelosen, überzeugenden Mimik. Einem Gebet gleicht das Terzett am Ende des zweiten Schöpfungsteils, das nur noch gehaucht endet: „Du nimmst den Odem weg. In Staub zerfallen sie.“ In Triller und Koloraturen legt Susanne Rydén einen solche Brillanz, dass man das Taubenpaar liebend girren hört oder das Gewürm am Boden kriechen fühlt, wenn Christian Hilz des Komponisten Tierwelt zeichnet. In der leichten, unmissverständlichen Übereinstimmung zwischen Werk, Orchester, Dirigent und Gesangsinterpreten wird deutlich, dass alle zusammen sich vertraut sind. Dies gepaart mit Können und der reinen Freude an der Musik machten den Abschlussabend zu einem grandiosen Höhepunkt des diesjährigen Festivals.
© Gmünder Tagespost 10.08.2009 |






