Füllhorn an Überraschungen
Kritik zu Ries, Ferdinand: Konzert für zwei Hörner WoO 19 & Violinkonzert op. 24
Label: cpo , VÖ: 27.07.2009
von Tobias Pfleger
Neben vielen anderen musikalischen Ausgrabungen hat sich das Archäologen-Label cpo um Ferdinand Ries (1784–1838) in besonderem Maße verdient gemacht. Eine erkleckliche Anzahl von Kammermusik des Bonner Komponisten wurden eingespielt, dazu ein Oratorium – und vor allem die Sinfonien, deren Edition als Glanztat bezeichnet zu werden verdient. Nun legt das Osnabrücker Label nach; mit einer wunderbaren Aufnahme, die neben Konzert für zwei Hörner und Orchester und dem e-Moll-Violinkonzert zwei sehr unterhaltsame Ouvertüren zu bieten hat. Im Gegensatz zu den anderen Orchesterwerken von Ferdinand Ries ist ein Ensemble zu hören, das auf dem Feld historisch informierter Aufführungspraxis bereits einige Meriten verdient hat, hauptsächlich mit Einspielungen von Werken kaum bekannter Komponisten – für diese Aufgabe also geradezu prädestiniert. Es handelt sich um das Ensemble Die Kölner Akademie unter der Leitung von Michael Alexander Willens.
Den Haupttitel der Einspielung bildet das Horn-Doppelkonzert, und wenn man dieses zweifellos großartige Stück hört, mag man die Entscheidung verstehen. Dagegen nimmt sich das Violinkonzert op. 24 doch ein wenig konventioneller aus, auch wenn hier eine Menge unerwarteter Wendungen das Ohr erfreuen. Das wahrscheinlich 1811 in Kassel für die dort ansässigen Brüder Schuncke, bekannt für ihre Fertigkeiten als Hornvirtuosen, komponierte Konzert für zwei Hörner und Orchester in Es-Dur trägt wird heute als WoO 19 geführt, verlegt wurde es nicht. (Diese Informationen, wie eine Fülle weiterer Details und eine prägnante Charakterisierung der Werke findet sich im ausgezeichneten Booklettext von dem Ries-Spezialisten Bert Hagels.) Dass hier der lange Zeit als Beethoven-Epigone verschriene Ferdinand Ries das Konzert zwei absoluten Virtuosen in den Trichter komponiert hat, zeigt die musikalische Gestaltung, die den beiden Solisten ein hohes Maß an technischen Fertigkeiten abverlangt. Vor allem deswegen, weil Ries sich keinesfalls damit begnügt, die Naturhörner mit kecken Jagdfiguren zu versorgen, sondern neben einem Übermaß an Chromatik auch noch lange Kantilenen fordert.
Zum Glück sind hier zwei wahrhafte Meisterhornisten am Werk: Teunis van der Zwart und Erwin Wieringa, beide international angesehene Virtuosen auf historischen Hörnern. Sie spielen das Doppelkonzert mit technischer Bravour, lassen aber nicht nur die virtuose Oberfläche funkeln, sondern widmen sich mit gleichem Elan den kantablen Anteilen. Schon der Einstieg in die Soloexposition durchmisst einen riesigen Tonraum in wenigen Augenblicken; da ist man als Hörer erst mal erschrocken, wie einem geschieht, und schon geht es mit zarten Melodien weiter. Den schwingengen Melodielinien geben vor allem die zahlreichen gestopften Töne eine eigene Klangqualität, wodurch Licht und Schatten schon allein innerhalb der Solo-Linien gesorgt ist. Unterstützt werden die beiden exzellenten und vor allem musikalisch sehr gefühlvoll agierenden Hornisten von der bestens disponierten Kölner Akademie. Michael Alexander Willens sorgt für dynamische Schattierungen und ein bewegtes Spiel von Spannung und Entspannung. Vor allem der kernige Klang der historischen Instrumente bietet eine denkbar rassige Grundlage für die virtuose Glanzleistung der beiden Hornisten.
Das einige Jahre vorher entstandene e-Moll-Violinkonzert bewegt sich in seiner musikalischen Gestaltung im Rahmen dessen, was in den Konzerten von Rode, Spohr und Kreutzer etabliert wurde. Doch auch hier zeigt sich Ries als Überraschungskünstler, der nicht nur mit rhythmischen Finessen aufzuwarten weiß, sondern ständig – wie auch im Horn-Doppelkonzert – harmonische Wege einschlägt, die der Erwartung des Hörers entgegen laufen. Anton Steck erweist sich als versierter Geiger, der dem technisch anspruchsvollen Passagenwerk von Ries‘ Konzert mehr als gewachsen ist. Seine Gestaltung zielt auf breit angelegte kantable Linien ab, die er mit dynamischen Differenzierungen klar zu strukturieren weiß. Daneben sorgt er mit ganz kurzen, leichten und süffigen Portamenti für eine augenzwinkernde Delikatesse, die diesem Werk bestens zu Gesicht steht. Vielleicht könnte manche Sequenz (etwa dynamisch) noch mehr als Steigerungsform hörbar werden, aber solche Kleinigkeiten können den Eindruck spritziger Musikalität nicht überdecken.
Eingerahmt werden die Konzerte von zwei kurzweiligen Ouvertüren. Die erste, zur Oper „Die Räubersbraut“ op. 156 erinnert stark etwa an die Ouvertüren von Friedrich Kuhlau. Vor allem das Portal der langsamen, aber dramatischen Einleitung gelingt der Kölner Akademie auf glänzende Weise, worauf das Allegro mit einer Fülle von Überraschungen und starken Kontrasten aufwartet. Etwas gediegener wirkt dagegen die Ouvertüre zur Oper „Liska oder Die Hexe von Gyllensteen“ op. 164, die in ihrer Süffigkeit und den kurzgliedrigen Melodien stark an Rossini erinnert. Auch sie wird mit Laune und viel Sinn für klangliche Schattierungen von der Kölner Akademie hervorragend gestaltet.
Einmal mehr erweist sich hier Ries als ausgezeichneter Überraschungskünstler. Ebenso die technisch blitzsauber und musikalisch feinsinnig agierende Kölner Akademie, ganz zu schweigen von den großartigen Instrumentalvirtuosen, allen voran den beiden Hornisten. Dass sich der herbe Klang der historischen Instrumente so klar mitteilt, hat seinen Rückhalt in einer Klangtechnik, der man nur vollstes Lob aussprechen kann.
Interpretation: *****
Klangqualität: ****
Repertoirewert: *****
Booklet: *****
Klassik.com 11.08.2009






